Laut offizieller Definition soll es sich bei Inobhutnahmen um kurzfristige Maßnahmen handeln, welche die Jugendämter zum Schutz von Kindern und Jugendlichen veranlassen, die sich in einer akuten, sie gefährdenden Situation befinden. Dabei werden die Minderjährigen entweder auf eigenen Wunsch oder aufgrund von Hinweisen anderer Personen bzw. Institutionen in Obhut genommen und in einer sicheren Umgebung (Obhut) bzw. einer "geeigneten Einrichtung" vorübergehend aufgenommen und untergebracht. Bei den Hinweisgebern kann es sich beispielsweise um die Polizei, Schulen, Kindergärten oder auch einfach nur um Nachbarn handeln. Die Unterbringung erfolgt in so genannten Jugend­schutz­stellen, Bereitschafts­pflege­familien, anderen Formen des betreuten Wohnens oder, auch wenn das nicht so gerne gesagt wird, schlicht und ergreifend in einem Heim. Gesetzliche Grundlage ist § 42 aus Buch VIII des Sozialgesetzbuchs.

 

Mögliche Anlässe können unter anderem folgende Gründe sein: Drohende Gewalt, Anzeichen für Misshandlung oder für sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, Überforderung der Eltern, schwerwiegende Beziehungs­probleme, Integrations­probleme im Heim oder in der Pflegefamilie, Kriminalität, Sucht­probleme, aber auch Probleme in der Schule.[1][2] Soweit zur Darstellung des Idealfalls, wie sie so oder so ähnlich in den Quellen der Helferindustrie stattfindet. In Wahrheit wird das an sich sinnvolle Instrument der Inobhutnahme anscheinend oft missbraucht, Tendenz steigend. Hierauf deutet unter anderem die akribische Auswertung von insgesamt 950 Fällen durch Michael Grumann.

 

Inobhutnahmen sind häufig weder "kurzfristig" noch als vorübergehende Lösung angelegt. So geht es Rechts­anwälten, zum Beispiel solchen, die für die "Arbeiter­wohl­fahrt" arbeiten, bei Übernahme einer Tätigkeit als Verfahrensbeistand für Kinder möglicherweise nicht selten darum, vakante Heimplätze der AWO zu belegen. Mindestens ebenso häufig greifen Jugendämter auf das bequeme Instrument der Inobhut­nahme zurück, wenn sie Kinder ihren Vätern entziehen wollen, um sie dann in irgend­welchen Pflegefamilien unterzubringen. Sehr häufig werden aber auch alleinerziehenden Müttern, insbesondere solchen mit niedrigerem Bildungsniveau, oder als "asozial" stigmatisierten Familien die Kinder weggenommen.

 

Exzessiv steigende Fallzahlen

Schon vor Jahren, als die Zahlen noch deutlich niedriger lagen, stieß die Praxis der deutschen Jugendämter auf massive Kritik im In- und Ausland. Deutliche Worte fanden beispielsweise der damalige US-Präsident Bill Clinton, der britische Premier Tony Blair oder auch der frühere französische Präsident Jacques Chirac, der das deutsche Kindschaftsrecht insbesondere mit Blick auf die fragwürdige Praxis der Inobhutnahmen schlichtweg als ein "Gesetz des Dschungels" bezeichnet hatte.[3]

Seit 2005 ist eine Zunahme um 64 Prozent zu verzeichnen.[4] Im Jahr 2013 gab es 42.123 Fälle.[5] Wie ungeheuerlich diese Größenordnung ist, wird deutlich, wenn man sie ins Verhältnis zur Zahl der Geburten setzt. Die lag 2013 bei 682.100.[6] Anders gesagt werden Jahr um Jahr 6 % aller Kinder ihren Eltern oder alleinerziehenden Elternteilen weggenommen.

 

Zitat:

«Wir leben in einem Staat, in dem inzwischen mehr als 40.000 Kinder jährlich in Obhut genommen werden, das heißt, aus der Familie gerissen werden. Und wenn man die steigenden Zahlen von vor zwei Jahren sieht, wo es noch 20.000 Inobhutnahmen in 2012 gewesen sind, dann kann man leicht merken, dass hieran nicht etwa die versagenden Eltern, die alle ihre Kinder misshandeln, schuldig sind, sondern ganz andere Ursachen sind, nämlich die, dass man die Kinder inzwischen als sprudelnden Geldquell sieht, wo man massig dran verdienen kann, wo man an einem Heimplatz monatlich bis zu 5000 Euro verdienen kann, wo man an einen Sachverständigen­gutachten zwischen 5 und 10 oder gar 15.000 Euro verdienen kann und wo man alles und jegliches untersuchen muss, kontrollieren muss und jede Entwicklung, die nicht dem Normverhalten entspricht, dass man diesen Kindern ihrer Kindheit beraubt. Die Anzahl der Kinder, die in einem Heim leben müssen, ist auf fast 70.000 angestiegen.» - RA Thomas Saschenbrecker[7]

 

Kritik der Familienministerin

Bereits 2009 wurde von einem alarmierenden Anstieg der Fallzahlen gesprochen und die damalige Familienministerin von der Leyen übt harte Kritik am Vorgehen der Jugendämter. Diese sollten Kinder nur nach genauer Fehleranalyse aus den Familien zu holen. Es sei gut, dass nach den aufrüttelnden Fällen der vergangenen Jahre die Aufmerksamkeit für Kindesmisshandlung und -vernachlässigung gestiegen wäre. "Die Zahlen zeigen, dass das Dunkelfeld kleiner wird und die Behörden ihre Möglichkeiten nutzen", so die Ministerin. Ein Kind aus der Familie zu holen sei jedoch ein schwerwiegender Eingriff für die Eltern wie für die Kinder und dürfe deswegen immer nur am Ende einer Kette von Prozessen stehen. "Solche Entscheidungen sind für die Jugendämter immer eine Gratwanderung."

 

Laut von der Leyen würden die Grundregeln im Umgang mit den Problemfamilien noch nicht überall beachtet: "Genaue Fehleranalysen kritischer Fälle weisen auf die Knackpunkte beim Kinderschutz hin: 1. Keine einsamen Entscheidungen, sondern immer das Mehraugenprinzip. 2. Immer das Kind anschauen und nicht darauf vertrauen, was die Akte sagt. 3. Hausbesuche, wo solche fachlich geboten sind. Viele Jugendämter arbeiten bereits nach diesen Prinzipien. Ich wünsche mir, dass diese Grundregeln bundesweite Praxis werden."[8]

 

Offensichtlicher Missbrauch durch das Jugendamt

Wie grob das Instrument der Inobhutnahme von Jugendämtern missbraucht wird, um gegen das Kindeswohl gerichtete Maßnahmen durchzusetzen, zeigt exemplarisch der folgende Fall:

Sommer 2014. Ein unverheiratetes Paar aus Bremen, beide um die 30 Jahre alt, bekommt ein Kind. Die Mutter leidet an einer Depression, ist aber damit einverstanden, dass der Junge bei Vater und Großeltern in Cuxhaven aufwächst. Sie besucht das Kind auch regelmäßig. Kurze Zeit später fordert sie jedoch ihr Sorgerecht ein. Gemeinsam mit der Polizei holt das Bremer Jugendamt das Baby in Cuxhaven ab. Anschließend fällt das Sorgerecht allerdings dem Jugendamt zu. Weil die Mutter zu krank ist, kommt es in eine Pflegefamilie. Die beiden pensionierten Lehrer aus Cuxhaven [die Großeltern] sind nach Bremen vor das Jugendamt und den Sitz von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) gezogen. Sie fordern ebenfalls, dass ihr Sohn das Sorgerecht für den kleinen Christian bekommt. Doch die Sozialsenatorin rechtfertigt das brutale Vorgehen des Jugendamtes und verweist auf das Kindeswohl. Einmal mehr wird der Begriff zum zynischen Lügenwort. Die Ausführungen von Bernd Schneider, dem Sprecher der Sozialsenatorin, sind eine regelrechte Verhöhnung des erziehungswilligen Vaters und der Großeltern.[9] Offenbar verfügte die Pflegefamilie über beste "Beziehungen".

 

Zitate 

Zitat:

«Wir haben schnell gemerkt, dass hinter diesen Zahlen unzählige Kinderschicksale stecken, die bei genauerer Betrachtung erschreckend sind. Eine Erkenntnis hat uns wirklich überrascht: Wie wenig bei Jugendamts­entscheidungen die Kinder selbst im Mittelpunkt stehen, wie wenig bei den ganzen Streitereien zwischen Eltern, Pflegeeltern, Heimen und Gerichten auf die Kinder selbst geachtet wird. Wir mussten lernen, dass deutsche Behörden die Menschenrechte der Kinder oft mit Füßen treten.»[10]

  

Zitat:

«Eine der sensibelsten Aufgaben des Staates, die Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Not, ist nahezu komplett privatisiert. Der Markt der stationären Einrichtungen wächst und ist lukrativ. Ein einziger Platz in einem Heim kostet die Kommunen im Jahr rund 50.000 Euro.[….] Wenn junge Menschen über Missstände in ihren Einrichtungen klagen, dann wird ihnen wenig Gehör geschenkt. So gerät das Heer der freien Jugendhilfeträger - darunter Privatunternehmer, Verbände, gemeinnützige Vereine - selten ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Doch nicht allen geht es allein um das Wohl der ihnen anvertrauten 140.000 Kinder und Jugendlichen. Längst ist die Jugendhilfe auch ein großes Geschäft geworden.»[11]

  

Zitat:

«Die Jugendämter in Deutschland mussten im Jahre 2008 durchschnittlich 23 Kinder und Jugendliche pro 10.000 Einwohner in ihre Obhut nehmen. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung (16/13803) auf eine Kleine Anfrage der FDP (16/13715) hervor. Die Zahl der vorläufigen Schutz­maßnahmen schwanke in den Bundesländern zwischen unter 15 pro 10.000 Einwohnern der unter 18-Jährigen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern auf der einen und über 40 Interventionen in Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen auf der anderen Seite. Von den Liberalen nach den Gründen für die Zunahme von 14,4 Prozent gegenüber dem Jahr 2007 gefragt, erklärt die Regierung, die gesellschaftliche und nicht zuletzt auch staatliche Aufgabe, Kinder vor Vernachlässigung und Misshandlungen zu schützen, habe in den letzten Jahren im öffentlichen Bewusstsein zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dies liege zum einen an der ausführlichen Berichterstattung in den Medien über Einzel­schicksale von zu Tode gekommenen Kleinkindern, zum anderen aber auch an der Verschärfung der gesetzlichen Grundlagen. Beide Faktoren hätten die Sensibilität der "öffentlichen Wahrnehmung" gegenüber der Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern erhöht.» - Quelle: Heute im Bundestag vom 6. August 2009

  

Kommentar:

«"Jugendämter mussten durchschnittlich 23 Minderjährige in ihre Obhut nehmen" titelt "heute im bundestag". Ob das so stimmt, darf bezweifelt werden. Richtig ist indes, Jugendämter haben durchschnittlich 23 Minderjährige in ihre Obhut genommen.

Ob das immer so nötig war, darf bezweifelt werden, denn bekanntlich rückt manchmal die Feuerwehr aus und stellt dann fest, dass der vermeintliche Brand eine Grillparty ist.» - Kommentar Väternotruf[12]

  

Zitat:

«Lara und Lea sind Schwestern, elf und neun Jahre alt. Doch seit einiger Zeit leben sie - nach Intervention des Jugendamtes von ihren Eltern getrennt - in Pflegefamilien. Jede Schwester in einer anderen, so können sie sich noch nicht einmal untereinander regelmäßig sehen. Das Jugendamt Itzehoe hatte sie eines Tages aus der Schule abgeholt - ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung. Die Lebens­umstände in ihrer Herkunftsfamilie waren schwierig, zugegebener­maßen. Ein Gericht hatte über die Herausnahme entschieden, doch die Art und Weise, wie das Jugendamt diesen Entschluss umsetzte, hat das Dorf schockiert. Die beiden Mädchen waren in ihrem Heimatort integriert, waren im Sportverein, hatten Freunde und Bezugspersonen. Dann waren sie plötzlich weg - und keiner wusste etwas über ihren Verbleib.»[13]

  

Einzelnachweise

 

1. Statistisches Bundesamt Pressemitteilung Nr. 262 vom 25.07.2014: Mit 42 100 Inobhutnahmen neuer Höchststand im Jahr 2013

2. Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM): Inobhutnahmen und Notschlafstellen - Was ist eine Inobhutnahme?

3. Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit - FamFG, abgelesen am 24. Juni 2012

4. Das Erste: Die Story im Ersten - Mit Kindern Kasse machen

5. Statistisches Bundesamt - Pressemitteilung Nr. 262 vom 25.07.2014: Mit 42 100 Inobhutnahmen neuer Höchststand im Jahr 2013

6. Statista - Das Statistik-Portal: Anzahl der Geburten in Deutschland von 1991 bis 2013

7. Hürden im Familien- und Betreuungsrecht - Thomas Saschenbrecker (6. September 2014) (Länge: 7:30-8:40 Min.)

8. Die Welt: Von der Leyen mahnt Jugendämter zu Vorsicht

9. Streit um Sorgerecht - Nachbarn demonstrieren für jungen Vater

10. ndr.de - Menschenrechte der Kinder werden mit Füßen getreten, März 2012

11. Das Erste: Die Story im Ersten - Mit Kindern Kasse machen

12. Väternotruf: Inobhutnahme

13. ARD - Panorama: Überlastung: Jugendamt ruiniert Familien, November 2012